Kaum ein Bergname weckt im Norden so viel Fernweh wie der Brocken: höchster Gipfel des Harzes, sagenumwobener Blocksberg der Walpurgisnacht und beliebtestes Ausflugsziel der Region. Wer das erste Mal eine Motorradtour dorthin plant, stößt aber schnell auf eine unbequeme Wahrheit – ganz nach oben rollen darf das Motorrad nicht. Dieser Ratgeber sagt dir ehrlich, warum das so ist und wie du den Gipfel trotzdem erreichst. Vor allem aber zeigt er, dass der Harz rund um den Brocken eines der lohnendsten Kurvenreviere Deutschlands ist – mit den richtigen Strecken, Stopps und Treffpunkten wird der Tag großartig, gerade weil der Berg selbst autofrei bleibt.
Kann man mit dem Motorrad auf den Brocken fahren?
Nein – die Brockenstraße ist ab dem Ortsausgang Schierke für den gesamten öffentlichen Kraftfahrzeugverkehr gesperrt, und das gilt für Motorräder genauso wie für Autos. Die letzten rund 10,8 Kilometer zum Gipfel darfst du also nicht mit der Maschine fahren. Am Anfang der Straße steht eine Schranke, an der ein Ranger die wenigen Ausnahmegenehmigungen kontrolliert, die es nur für den Versorgungsverkehr gibt.
Der Grund ist kein schikanöses Verbot, sondern der Naturschutz: Die Brockenstraße verläuft mitten durch den Nationalpark Harz, dazu durch Landschaftsschutz-, FFH- und Vogelschutzgebiet. Motorisierter Individualverkehr hätte hier keinen Platz. Wer sich vorher informiert, erspart sich die Enttäuschung, erst an der geschlossenen Schranke in Schierke umdrehen zu müssen. Und wer den Kopf frei hat für die Alternative, merkt schnell: Der autofreie Gipfel ist gerade das, was den Brocken so besonders macht.
Wie kommt man auf den Brocken?
Nach oben führen vier Wege – zu Fuß, mit dem Fahrrad, per Pferdekutsche oder mit der Brockenbahn. Das Motorrad stellst du dafür in einem der Ankerorte ab und legst die letzte Etappe anders zurück. Welche Variante die richtige ist, hängt von Zeit, Kondition und Lust auf Bewegung ab:
- Zu Fuß: Der beliebteste Aufstieg ist der Goetheweg ab Torfhaus, der über das Torfhausmoor und den historischen Grenzweg zum Gipfel führt. Kürzer, aber steiler ist der Eckerlochstieg ab Schierke. Weitere klassische Routen sind der Heinrich-Heine-Weg ab Ilsenburg und der Teufelsstieg ab Elend.
- Mit der Brockenbahn: Die dampfbetriebene Schmalspurbahn der Harzer Schmalspurbahnen fährt von Wernigerode über Drei Annen Hohne und Schierke bis zum Bahnhof Brocken auf 1125 Metern – dem höchsten Schmalspurbahnhof Deutschlands. Für die gesamte Strecke ab Wernigerode braucht sie rund eineinhalb Stunden; ab Drei Annen Hohne sind es gut 580 Höhenmeter. Das ist die entspannteste Variante und ein Erlebnis für sich.
- Mit dem Fahrrad: Radfahrer und Pedelecs dürfen die Brockenstraße nutzen. Die rund 525 Höhenmeter auf 10,8 Kilometern sind eine sportliche, aber machbare Auffahrt – ideal, wenn du dein Motorrad in Schierke parkst und die letzte Etappe aus eigener Kraft fahren willst.
- Mit der Pferdekutsche: Ab Schierke werden geführte Kutsch- und Planwagenfahrten angeboten – die gemütlichste Art, den Gipfel zu erreichen.
Praktisch heißt das für die Tourenplanung: Parke die Maschine in Schierke oder Torfhaus, plane die Zeit für Aufstieg oder Bahnfahrt ein und genieße den Gipfel als bewusste Pause vom Fahren.
Die schönsten Motorradstrecken rund um den Brocken
Der wahre Reiz einer Brocken-Motorradtour liegt in der Anfahrt: Rund um den Gipfel zieht sich ein Netz aus kurvenreichen Bundesstraßen durch Wald, Täler und über die Höhen des Oberharzes. Der Harz ist kompakt, die Wege zwischen den Highlights sind kurz – ideal, um mehrere Strecken zu einer Tagesrunde zu verbinden. Diese Klassiker solltest du einplanen:
- B4 (Braunlage – Torfhaus – Bad Harzburg): die zentrale Nord-Süd-Achse am Brocken vorbei, mit langgezogenen Kurven durch dichten Fichtenwald. Auf der Höhe von Torfhaus (rund 800 Meter) liegt der bekannteste Bikertreff des Harzes mit direktem Brockenblick.
- B242 (Harzhochstraße): verbindet Braunlage mit Clausthal-Zellerfeld und dem Westharz. Aussichtsreicher Bergcharakter mit stetem Auf und Ab – eine der landschaftlich schönsten Verbindungen der Region.
- B498 (Clausthal-Zellerfeld – Sösetalsperre – Okertal): geschwungene Kurven entlang der Talsperren, inklusive markanter 180-Grad-Kehren. Die Passage durchs Okertal mit seinen Granitfelsen gilt als besonders sportlich.
- B241 (Clausthal-Zellerfeld/Kreuzeck – Goslar): rund 14 kurvenreiche Kilometer, von vielen als „Traumetappe" des Harzes gehandelt.
- Rundtour Braunlage – Elend – Königshütte – Hasselfelde: eine klassische Schleife durch den Oberharz, die entspannte Waldpassagen mit kurvigen Abschnitten und kleinen Talsperren kombiniert.
Wer die Region als Teil einer größeren Reise fährt, kann den Harz gut mit anderen Etappen verbinden. Wie sich eine kurvige Mittelgebirgstour anfühlt, beschreiben wir auch im Ratgeber mit dem Motorrad an die Mosel – dort wie hier gilt: Rundtouren mit Höhen- und Talpassagen schlagen die reine Durchgangsstrecke.
Ausgangsorte und Bikertreffs im Harz
Vier Orte eignen sich besonders als Basis für die Brocken-Runde: Torfhaus, Schierke, Braunlage und Bad Harzburg – dazu Wernigerode als Startpunkt der Brockenbahn. Von hier aus erreichst du sowohl die Aufstiege zum Gipfel als auch die schönsten Kurvenstrecken in kurzer Zeit. Jeder Ort hat seinen eigenen Charakter:
- Torfhaus: liegt direkt an der B4 auf rund 800 Metern, mit dem berühmtesten Brockenblick und einem klassischen Bikertreff. Zugleich Startpunkt des Goethewegs zum Gipfel – der ideale Dreh- und Angelpunkt einer Tagestour.
- Schierke: der Ort am nächsten zum Brocken und Beginn der gesperrten Brockenstraße. Hier stellst du die Maschine ab, wenn du zu Fuß, mit dem Rad oder der Kutsche auf den Gipfel willst.
- Braunlage: zentraler Kurort im Oberharz, guter Ausgangspunkt für die B4 und die Harzhochstraße B242 sowie für Rundtouren Richtung Königshütte und Hasselfelde.
- Bad Harzburg: nördliches Tor zum Harz am Ende der B4, praktisch für die Anreise aus Richtung Autobahn.
- Wernigerode: die „bunte Stadt am Harz" mit Fachwerk und Schloss ist Startbahnhof der Brockenbahn – lohnt als Kombination aus Stadtbummel und Bahnfahrt zum Gipfel.
Ein zweiter beliebter Treffpunkt neben Torfhaus liegt im Okertal, wo sich an schönen Wochenenden viele Motorradfahrer einfinden. Wie an allen Bikertreffs gilt: Es ist ein Treffen, kein Rennen – Rücksicht auf Anwohner und andere Gäste hält die Strecken für alle offen (dazu mehr im Abschnitt zu Lärm und Sperrungen).
Lohnende Stopps: Talsperren, Hängebrücke und Hexentanzplatz
Der Harz ist voller Sehenswürdigkeiten, die sich perfekt in eine Motorradtour einbauen lassen – allen voran die Rappbodetalsperre mit der spektakulären Titan-RT-Hängebrücke. Ein reiner Kilometerritt würde der Region nicht gerecht; plane bewusst Stopps ein. Diese Ziele lohnen den Halt besonders:
- Rappbodetalsperre: mit 106 Metern die höchste Staumauer Deutschlands, 415 Meter lang und bereits 1959 eingeweiht. Über die Schlucht spannt sich die Titan-RT, eine 2017 eröffnete Fußgänger-Hängebrücke mit 458,5 Metern frei schwebender Länge – ein beeindruckender Fotostopp und Adrenalin-Ziel zugleich.
- Hexentanzplatz und Rosstrappe bei Thale: hoch über dem canyonartigen Bodetal gelegen, mit engen Kurven bei der Anfahrt und weiten Ausblicken – ein Klassiker der Harzsagen rund um Hexen und Walpurgisnacht.
- Okertal und Okertalsperre: sportliche Kurven zwischen bemoosten Granitfelsen, dazu Einkehrmöglichkeiten mit Talsperrenblick.
- Brockenblick Torfhaus: der beste Aussichtspunkt zum Gipfel, ohne einen Meter zu wandern – ideal für die Kaffeepause mit Panorama.
Wer den Bogen weiter spannt, findet im Harz zahllose weitere Ziele: Tropfstein- und Schauhöhlen bei Rübeland, das UNESCO-Welterbe Rammelsberg bei Goslar oder die Fachwerk-Altstädte von Wernigerode und Quedlinburg. So lässt sich aus der Tagestour bequem ein ganzes Motorradwochenende machen.
Motorradlärm und Streckensperrungen im Harz
Eine dauerhafte, generelle Motorrad-Sperrung der Harzer Bundesstraßen gibt es nicht – wohl aber temporäre Sperrungen an einzelnen Brennpunkten, wenn Lärm überhandnimmt. Das bekannteste Beispiel: Der Landkreis Harz sperrte den Bereich rund um die Rappbodetalsperre über die Osterfeiertage 2024 auf Bitten der Polizei, weil dort einzelne Fahrer gezielt mit aufheulenden Motoren auffielen. Solche Feiertags- oder Wochenendsperrungen an Hotspots können sich wiederholen.
Für dich als Fahrer heißt das zweierlei. Erstens: Vor der Tour lohnt ein kurzer Blick auf aktuelle Meldungen und Sperrungslisten für die geplante Route, damit du nicht vor einer geschlossenen Strecke stehst. Zweitens – und wichtiger: Die beste Versicherung gegen weitere Sperrungen ist der eigene Fahrstil. Wer im Wohngebiet und an Aussichtspunkten vom Gas geht, unnötiges Hochdrehen unterlässt und Anwohner respektiert, hält die schönen Strecken für alle offen. Der Harz ist Naherholungsgebiet für viele – rücksichtsvolles Fahren ist hier nicht nur höflich, sondern der Schlüssel dafür, dass die Kurven befahrbar bleiben.
Ein verwandtes Thema betrifft das Verhalten im dichten Ausflugsverkehr an schönen Wochenenden: Sich mit dem Motorrad zwischen den Autoschlangen durchzuschlängeln, ist verlockend, aber nicht erlaubt. Warum das so ist, erklären wir im Beitrag mit dem Motorrad am Stau vorbei.
Beste Reisezeit und das berüchtigte Brockenwetter
Die Harz-Saison reicht von April bis Oktober, am angenehmsten sind Frühsommer und Spätsommer – wichtiger als anderswo ist hier aber der Blick aufs Wetter, denn der Brocken ist ein Extremstandort. Die Wetterstation auf dem Gipfel hält gleich mehrere deutsche Rekorde: Sie maß 1984 eine Windspitze von 263 Kilometern pro Stunde, verzeichnete 1958 sagenhafte 330 Nebeltage und zählt mit rund 1800 Millimetern Jahresniederschlag zu den nassesten Orten Nordmitteleuropas.
Für die Tour bedeutet das: Auf den Höhen kann es deutlich kühler, feuchter und windiger sein als unten im Tal, selbst wenn im Flachland die Sonne scheint. Nebel zieht schnell auf und macht die kurvigen Waldstraßen tückisch. Nimm auch im Hochsommer wetterfeste Kleidung im Zwiebelprinzip mit, und wenn dich auf den Höhen Nebel erwischt, reduziere Tempo und Schräglage deutlich – die Sichtweite bestimmt hier das Fahren.
Am Wochenende ist im Harz spürbar mehr los als unter der Woche. Wer die leeren Kurven sucht, startet früh oder fährt werktags. Und wer nach der Winterpause die erste Tour des Jahres in den Harz plant, sollte die Maschine vorher gründlich checken. Wie du das Motorrad im Frühjahr richtig aus dem Winterschlaf holst, zeigt unser Ratgeber Motorrad winterfest machen – rückwärts gelesen ist das zugleich die Checkliste fürs Startklarmachen.
Praktische Tipps für die Harz-Tour
Gut vorbereitet macht die Brocken-Runde am meisten Spaß: Maschine checken, Etappen realistisch planen und die Eigenheiten des Mittelgebirges kennen. Ein paar Hinweise aus der Praxis, die über einen entspannten Tag oder Ärger entscheiden:
- Motorrad vor der Tour prüfen: In den engen Kurven und auf den Höhenpassagen sind Reifen, Bremsen und Kette besonders gefordert. Kontrolliere vor der Reise Kettenspannung, Bremsbeläge und Reifenprofil. Worauf es bei der Antriebskette ankommt, zeigt unser Überblick zum Unterschied zwischen X-Ring- und O-Ring-Kette.
- Wildwechsel beachten: Der Harz ist stark bewaldet, Wild quert die Straßen vor allem in der Dämmerung. Fahr in den Morgen- und Abendstunden vorausschauend und bremsbereit, gerade an Waldrändern.
- Tanken einplanen: Auf den einsamen Höhenstraßen sind Tankstellen dünner gesät als in den größeren Orten. Fahr nicht mit fast leerem Tank in eine lange Waldschleife, sondern tanke rechtzeitig in Braunlage, Bad Harzburg oder Clausthal-Zellerfeld voll.
- Unterkunft mit Motorrad-Fokus: Wer mehrere Tage bleibt, findet im Harz zahlreiche motorradfreundliche Gasthöfe mit sicheren Unterstellplätzen und Tourentipps aus erster Hand. In der Hauptsaison und rund um Feiertage sind die beliebten Häuser schnell ausgebucht – früh reservieren lohnt sich.
- Navigation und Kommunikation: Ein Intercom-System im Helm erleichtert Gruppenfahrten auf den verwinkelten Sträßchen enorm. Was dabei erlaubt ist und was nicht, klären wir im Ratgeber zum Thema mit AirPods und Kopfhörern Motorrad fahren.
Der häufigste Anfängerfehler ist, mit der falschen Erwartung anzureisen – nämlich bis zum Gipfel fahren zu wollen. Wer den Brocken als autofreie Krönung einer Kurvenrunde begreift, statt als Ziel für die Auffahrt, holt das Beste aus dem Tag heraus.
Fazit: Der Gipfel bleibt autofrei – die Tour wird trotzdem grandios
Mit dem Motorrad auf den Brocken zu fahren, funktioniert nicht so, wie der Wunsch es sich ausmalt: Die letzten gut zehn Kilometer ab Schierke gehören dem Nationalpark, nicht dem Verkehr. Den Gipfel erreichst du zu Fuß, mit dem Rad, der Kutsche oder der dampfenden Brockenbahn – und gerade diese autofreie Ruhe macht ihn zum lohnenden Ziel. Das eigentliche Motorrad-Erlebnis liefert der Harz drumherum: die kurvenreiche B4 über Torfhaus, die Harzhochstraße B242, das sportliche Okertal und Highlights wie die Rappbodetalsperre mit ihrer Titan-RT-Hängebrücke. Wer die richtige Reisezeit trifft, das wechselhafte Brockenwetter respektiert und rücksichtsvoll fährt, erlebt eines der schönsten Kurvenreviere Norddeutschlands. Der Gipfel ist dann nicht das Ende der Auffahrt, sondern die krönende Pause mittendrin. Gute Fahrt – und genug Grip in den Harzer Kehren.




